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heilen,bilden,produzieren,forschen,leben,investieren / 05.01.2017
Interview mit Jens-Holger Kirchner: "In Buch entsteht etwas Eigenes"

 Interview mit Jens-Holger Kirchner, neuer Staatssekretär für Verkehr, der als Pankower Baustadtrat in Buch viel bewegt hat.

Herr Kirchner, in Ihrer Eigenschaft als Baustadtrat waren Sie sehr häufig in Buch anzutreffen. Wie ist Ihr Eindruck von Buch?

Buch ist mittlerweile so vielfältig wie dieser Bezirk: Von der Platte bis zum hochwertigen Wohnen im Baudenkmal, von der Reihenhaus- bis zur Einfamilienhaussiedlung gibt es hier vielfältigste Formen von Wohnen. Das Stigma der unsanierten Hochhaussiedlungen, das vor einigen Jahren noch den Ton angegeben hat, trifft nicht mehr zu. Buch ist einer der größten Arbeitsstandorte in Berlin in den Bereichen Medizin, Gesundheitsforschung und Biotechnologie. Diese haben sich hier in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Buch ist grün, es hat noch unfertige Ecken mit morbidem Charme wie das Waldhaus oder die Regierungskrankenhäuser, das ist in anderen Stadtteilen nicht mehr so. Buch ist auf dem besten Weg, etwas ganz Eigenes zu werden. Die Innenstadt ist mit der S- Bahn gut erreichbar, gleichzeitig kann man aus der Tür gehen und ist im Wald. Wo gibt es das in Pankow? Buch hat ausgesprochen aktive Bürgerinnen und Bürger, weshalb das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) hier in einer Art konstruktivem Meinungsaustausch, in einem „Wettbewerb“ der guten Ideen entstanden ist. Das war in anderen Stadtteilen mit wesentlich mehr Streit verbunden. Eine Herausforderung war dagegen für alle, dass hier quasi über Nacht die erste große Flüchtlingsunterkunft entstanden ist. Nicht nur was Kommunikation betrifft, sondern auch das Umgehen mit neuen Verhältnissen. Heute gibt es ein etabliertes Willkommensnetzwerk, in dem sich viele Bucherinnen und Bucher engagieren, darüber bin ich froh.

Welche städtebaulichen Entwicklungen haben den Standort in den vergangenen Jahren geprägt?

In den letzten Jahren sind hier sichtbar viele Millionen Euro in die Infrastruktur geflossen. Eine beachtliche Zahl öffentlicher Gebäude wurde saniert oder neu gebaut. Vieles konnte mit Hilfe des Förderprogramms Stadtumbau Ost oder öffentlichen Mitteln realisiert werden, aber auch privates Engagement spielt in Buch eine wichtige Rolle. Ein gutes Beispiel ist das Stadtgut mit Restaurant und Feste-Scheune, durch das schon eine Art Zentrum entstanden ist, wo man sich treffen und gut essen gehen kann. Die ehemaligen Klinikareale, in denen Wohnungen entstanden sind, haben wesentlichen Anteil daran, dass Buch attraktiver geworden ist. Dabei werden die neuen Schulen und Kitas in privater Trägerschaft, die im Ludwig Hoffmann Quartier entstanden sind, schon fast als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Neben der städtischen Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE haben in den letzten Jahren auch die Wohnungsbaugenossen- schaften ihre Häuser saniert und wesentlich zu einem schöneren Stadtbild beigetragen. Mit Stadtumbau-Mitteln wurden das Bürgerhaus, Jugendfreizeiteinrichtungen und Kitas saniert und ein Ersatzbau für die Hufelandschule ermöglicht. Diese sichtbare Veränderung erhält jetzt noch einmal eine neue Dynamik durch den aktualisierten Maßnahmeplan des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK): Wir werden hier zwei neue Stadtviertel bauen, den öffentlichen Raum attraktiver gestalten und ein großes Integrations- und Bildungszentrum für 13,4 Millionen Euro errichten. Dort werden die Musik- und Volkshochschule, die Bibliothek und ein Teil des Gläsernen Labors einziehen. Also hier wird noch Etliches passieren und Stadtumbau Ost wird sicherlich einen wesentlichen Anteil daran haben – wenn auch nicht so schnell, wie wir es uns immer wünschen.

Welches sind momentan die dringlichsten Handlungsfelder, um Buch als integrierten Wirtschafts- und Wohnstandort weiterzuentwickeln?

Dringlich ist die Verkehrssituation. Um die Anbindung mit dem Auto an die Innenstadt zu verbessern, ist der Vollanschluss an die A 114 geplant. In diesem Zusammenhang soll die Hobrechtsfelder Chaussee als künftige Verbindungsachse ausgebaut werden. Auch der geforderte Regionalbahnhof für Buch ist ein dringliches Thema. Mit der Bahn könnte man innerhalb von ein paar Minuten am Gesundbrunnen oder wesentlich schneller am Flughafen sein. Und ich denke, dass der Abstand zwischen Regionalbahnhöfen in Bernau, Buch und Gesundbrunnen ideal wäre.
Im Ort wollen wir die Rad- und Gehwege barrierefrei ausbauen, Abstellanlagen für Fahrräder und sichere Querungen schaffen. Insgesamt gilt es, die innerörtlichen Verkehre – per Fuß, per Rad oder Auto optimal zu sortieren. Besonderen Wert legen wir auch auf die Verbindung zwischen S-Bahnhof und Forschungs- bzw. Klinikcampus. Das sind die nächsten Punkte, wo wir viel Geld investieren müssen und wollen. Mit der Entwicklung der neuen Wohngebiete „Am Sandhaus“ und „Buch IV“ haben wir die Möglichkeit, noch bestehende Defizite in der Infrastruktur abzubauen. Durch die Verdichtung wird der gesamte Ortsteil gewinnen. Langfristig sollen in Buch neue, umweltfreundliche Formen der Mobilität Einzug halten: Hol- und Bringedienste, Ruftaxis, Car- und Bikesharing-Systeme könnten in Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr das eigene Auto ersetzen.

Welchen Charakter sollen die neuen Quartiere von Buch haben?

Auf dem neu zu bebauenden Waldstück zwischen den Straßen „Am Sandhaus“ und „Wiltbergstraße“ schwebt uns eine Art „Waldstadt“ mit 1.500 Wohnungen vor. Sie soll von vornherein Einzelhandel und Dienstleistungen integrieren, auch eine Schulerweiterung ist geplant. Im Gegenzug werden die früheren, vom S-Bahnhof weiter entfernten Regierungskrankenhäuser abgerissen und die Grundstücke renaturiert. Dort entsteht dann wieder Wald, die Flächen werden also getauscht.
Meine Vorstellung wäre, in dieser Waldstadt die Qualität des Ludwig-Hoffmann-Quartiers zu spiegeln: Großzügig, aber durchaus dicht hochattraktive Wohnungen zu bauen, in bester Lage, mit viel Freiraum und S-Bahn-Anschluss. Im Grunde wäre es möglich, die Zentrumsachse zu verlängern – von der nördlichen Brunnengalerie bis zum Sandhaus.

Wie verkraftet Buch den Zuwachs von weit über 1.000 Wohnungen, die der Senat hier plant, im Hinblick auf Verkehr, Flächenverfügbarkeit und seinen Charakter als Wirtschafts- und Gesundheitsstandort?

Nicht wenige Gemeinden im weiteren Umland haben erhebliche Probleme, weil die Leute wegziehen wollen. Oft fährt dort nicht einmal mehr ein Bus. In Buch ist die Entwicklung umgekehrt. Glücklicherweise besteht in Buch ein Bedarf an attraktiven Wohnungen für Leute, die hier auch arbeiten. Je größer Buch wird, umso stärker wächst auch die Infrastruktur, desto mehr Chancen haben Kultur und Gastronomie. Buch wird etwas ganz Eigenes, das ist eine große Entwicklungschance. Und in dieses Wachstum investieren wir.
Der Wirtschaft räumen wir mit der Brunnengalerie eine Expansionsfläche ein, die an den Campus grenzt und die wir ausschließlich für die Ansiedlung von forschungsnahen Unternehmen freihalten. Diese Entscheidung ist nicht am Reißbrett gefallen. Wir sind in der glücklichen Lage, eng mit den Bucher Wirtschaftsakteuren zusammenzuarbeiten, die sich mit ihren Ressourcen einbringen und Verantwortung übernehmen. Dazu gehört, dass wir uns im ressortübergreifenden Steuerungskreis regelmäßig gegenseitig vor Ort über Vorhaben informieren und uns abstimmen. Ein Beispiel für erfolgreiche Zusammenarbeit ist das gemeinsame energetische Quartierskonzept, das wir in zwei Workshops erarbeitet haben. Für dessen Umsetzung beantragen wir gerade die Mittel. Buch kann durchaus eine „Green Health City“ werden, davon bin ich überzeugt.

Was fehlt Buch noch?

Ein attraktiver Schlosspark mit holländischem Garten und Schloss, um historische Zusammenhänge wiederherzustellen. Und noch etwas mehr Kultur und Veranstaltungen.

Interview: Christine Minkewitz/BBB
Foto: Jens-Holger Kirchner, Staatssekretär für Verkehr (Foto: privat)

Quelle: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

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