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forschen / 18.04.2017
Eine Prise Salz gegen den Durst

Von salzigem Essen muss man mehr trinken? – diese Binsenweisheit ist nun widerlegt. Zwei neue Studien zeigen genau das Gegenteil. Als „Kosmonauten“ auf einer simulierten Mission zum Mars mehr Salz zu essen bekamen, erzeugten sie daraufhin mehr Wasser im Körper, tranken sie weniger und benötigten mehr Energie.

Wie Salz im Essen das Trinkverhalten beeinflusst, wurde nie in einer Langzeitstudie überprüft. Bekannt war bisher lediglich, dass mehr Salz in der Nahrung die Produktion von Urin stimuliert. Diese zusätzliche Flüssigkeit stammt aus Getränken – so die These.

Weit gefehlt! sagt nun ein Forschungsteam vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), der Vanderbilt University und weiteren internationalen Kolleginnen und Kollegen. Sie überprüften die alte Weisheit während einer simulierten Marsmission, und stellen ihre Ergebnisse nun in der aktuellen Ausgabe des Journal of Clinical Investigation vor.

Perfekte experimentelle Bedingungen
Salz hat natürlich nichts direkt mit dem Mars zu tun. Wollten Menschen zum Roten Planeten reisen, wäre zwar jeder Tropfen Trinkwasser kostbar und eine Prise Salz im Essen dürfte die Mission nicht gefährden. Wirklich interessant war die Simulation aber für die Forscherinnen und Forscher, weil sie so Ernährung, Wasser- und Salzaufnahme streng kontrollieren und messen konnten.

Dr. Natalia Rakova und ihr Team von der Charité und dem MDC führte zwei unabhängige Studien an zehn männliche Freiwilligen durch. Die Probanden waren über einen Zeitraum von entweder 105 oder 205 Tagen in einer Raumschiff-Attrappe eingeschlossen. Alle Teilnehmer hatten absolut identische Speisepläne. Im Laufe der Wochen veränderte das Forschungsteam dann stufenweise den Salzgehalt in der Nahrung.

Salziges Essen, weniger Flüssigkeitsaufnahme, höherer Energiebedarf
Das Experiment bestätigt: Kurzfristig verstärkt Salz den Durst. Mehr Salz im Essen führt auch zu einer höheren Salzkonzentration im Harn und einer höheren Gesamtmenge Urin – das war nicht überraschend. Doch die größere Menge Flüssigkeit stammte nicht aus Getränken. Die Probanden tranken sogar insgesamt weniger, wenn sie mehr Salz zu sich nahmen. Das Salz löste in den Nieren einen Wasserspar-Mechanismus aus.

Bisher galt, dass die Natrium- und Chlorid-Ionen, aus denen Salz besteht, an Wassermoleküle binden und diese in den Harn ziehen. Stattdessen zeigten die neuen Ergebnisse, dass das Salz im Harn bleibt, während das Wasser in die Niere und Körper zurücktransportiert wird. Das überraschte das Team um Jens Titze, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg und am Vanderbilt University Medical Center. „Was könnte die Kraft sein, die das Wasser zurück in den Körper treibt“, fragte er sich.

Versuche an Mäusen zeigten dann, dass die Substanz Harnstoff (Urea) daran beteiligt sein könnte. Mit Hilfe von Harnstoff entsorgen Muskeln und Leber Stickstoff. In der Niere der Mäuse sammelte sich Harnstoff, dort wirkte es der Wasser-bindenden Kraft von Natrium und Chlorid entgegen. Doch die Synthese von Harnstoff kostet viel Energie. Mäuse, denen salzigere Nahrung verabreicht wurde, hatten größeren Hunger, tranken aber nicht mehr. Auch die menschlichen „Kosmonauten“, die salziges Essen bekamen, klagten über Hunger.

Mehr als bloßer Abfall
Die neuen Erkenntnisse lassen die Rolle des Harnstoffs in neuem Licht erscheinen. „Harnstoff ist nicht nur ein Abfallprodukt, wie wir bisher angenommen hatten", sagt Prof. Friedrich C. Luft, von der Charité und dem MDC. „Stattdessen erweist er sich als ein sehr wichtiger Osmolyt – das ist eine Verbindung, die Wasser an sich bindet und so hilft, es zu transportieren. Harnstoff hält das Wasser im Körper, wenn wir Salz ausscheiden. So wird das Wasser zurückgehalten, das sonst durch das Salz in den Urin hineingetragen würde. "

Die Wasserhomöostase, also das Gleichgewicht von Wasser im Körper, ist für eine Reise zum Mars mindestens so wichtig wie das Leben hier auf der Erde. „Wir müssen diesen Vorgang als eine gemeinsame Anstrengung der Leber, der Muskeln und der Nieren sehen“, sagt Jens Titze. „In der Studie haben wir den Einfluss auf den Blutdruck und andere Aspekte des Herz-Kreislauf-Systems nicht direkt untersucht. Ihre Funktionen sind aber eng mit der Wasserhomöostase und dem Energiestoffwechsel verbunden.“

Dieses Projekt wurde vor allem durch die Anstrengungen der DLR-Forschung unter Weltraumbedingungen getragen. Natalia Rakova, Dominik N. Müller und Friedrich C. Luft sind Forscherinnen und Forscher des MDC. Korrespondenzautor und Studienleiter ist Jens Titze vom Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg und der Vanderbilt University, an der Friedrich C. Luft eine außerordentliche Professur hält.

Quelle: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)

www.mdc-berlin.de

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