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heilen / 21.07.2017
Das Zusammenspiel der Gene verstehen

 Interview mit Prof. Dr. Silke Rickert-Sperling, die am Experimental and Clinical Research Center (ECRC) zu genetischen Ursachen angeborener Herzfehler forscht

 

 

 



Wie ist ihr beruflicher Werdegang? Wie kamen Sie zum ECRC?

Ich habe Medizin an der Freien Universität Berlin, aber auch in New York, San Diego und an der Mayo Clinic in Rochester studiert. Zurück in Berlin, habe ich 1998 als Ärztin in der Kinderkardiologie des Deutschen Herzzentrums Berlin angefangen, parallel promoviert und Ideen für Forschungsprojekte entwickelt. 1999 bin ich als Postdoc zu Prof. Hans Lehrach ans MPI für Molekulare Genetik gegangen. Dort konnte ich die Forschungsgruppe „Kardiovaskuläre Genetik“ etablieren.
Habilitiert wurde ich 2009 zum Themenbereich Molekularbiologie und Bioinformatik. 2011 erhielt ich dann eine Professur für Kardiovaskuläre Genetik an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, was mit einem Wechsel an das ECRC verbunden war.

Welches ist Ihr Forschungsschwerpunkt?

Ich forsche an einer speziellen Art eines angeborenen Herzfehlers, genannt Morbus Fallot. 1998 konnte ich meinen damaligen Chef, Prof. Peter Lange, überzeugen, mir Herzmuskelproben aus Operationen zu überlassen, um sie zu charakterisieren und damit zu forschen. Das waren Proben von Patienten mit Morbus Fallot, mit denen ich heute noch arbeite. Morbus Fallot ist eine komplexe und relativ häufige Form der angeborenen Herzfehler – fast ein Prozent aller Neugeborenen sind betroffen. Zwischen den Herzkammern besteht ein großes Loch, und die Hauptschlagader, die normalerweise von der linken Seite mit Blut gespeist wird, wird über beide Seiten gespeist. Dadurch kommt Blut in den Körperkreislauf, das nicht mit Sauerstoff angereichert ist, was zur Zyanose, der „Blausucht“, führen kann. Da es recht viele Patienten gibt, sind die Chancen gut, die Ursachen für Morbus Fallot zu finden.

Welche Bedingungen bietet der Bucher Campus für Ihre Forschung?

Der Campus bietet alle Technologien, die wir benötigen: Um die molekularen Grundlagen von Herzerkrankungen und angeborenen Herzfehlern zu verstehen, kombinieren wir molekularbiologisches, bioinformatisches, systembiologisches und klinisches Wissen. Im Fokus stehen krankheitsassoziierte Gene und epigenetische Faktoren im Kontext von Genetik, Transkriptomik und Proteomik.
Wir profitieren auch von der Förderung durch das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH): Im Forschungsvorhaben „Genomanalyse zu Erbkrankheiten bei Kindern“ bearbeite ich zusammen mit Prof. Dr. Uwe Ohler ein Teilprojekt. Es beschäftigt sich mit der Analyse des Transkriptionsnetzwerks, das die Entwicklung des Herzens und angeborener Herzfehler kontrolliert. Das BIH ermöglichte uns unter anderem, Prof. Dr. Rolf Bodmer vom Sanford Burnham Prebys Medical Discovery Institute, San Diego, USA, als Einstein BIH Visiting Fellow nach Buch zu holen. Seine Expertise mit einem auf der Fruchtfliege (Drosophila) beruhenden Tiermodell hilft uns, die genetischen Ursachen von Herzfehlbildungen besser zu verstehen.

Wie nutzen Sie dieses Modell?

Wir konnten durch unsere genetischen Untersuchungen bei Morbus-Fallot-Patienten erstmalig zeigen, dass mehrere Gene in Kombination relevant sind für die Entstehung von angeborenen Herzfehlern. Um verschiedene Gene in ihrer kombinatorischen Wirkung im höheren Durchsatz zu testen, ist das Drosophila-Modell sehr gut geeignet. Die Fliege hat ein Set von Genen, das menschlichen Genen ähnlich ist, und wir können verschiedene Gene gemeinsam ausschalten.
Prof. Bodmer hat eine Methode etabliert, die Videoaufnahmen des Herzschlauchs der Fliege ermöglicht und diese mittels einer Software in Kontraktilitätsfrequenz übersetzt. Daraus erkennen wir, ob die im Menschen gezeigten Gene, von denen wir meinen, dass sie für die Erkrankung des Menschen verantwortlich sind, tatsächlich für die Herzmuskelfunktion relevant sind. Man kann auch histologisch sehen, ob sich überhaupt ein Herzschlauch entwickelt oder sich mehr oder weniger Zellen bilden.

Wer profitiert von den Ergebnissen Ihrer Forschung?

Weil heute Kinder mit angeborenem Herzfehler hervorragend chirurgisch und medikamentös behandelt werden können, gibt es eine neue Gruppe von Patienten: die Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler. Von diesen gibt es Subgruppen, die im späteren Leben Herzinsuffizienz oder Arrhythmien bekommen. Unser Ziel ist, frühzeitig zu erkennen, welche Patienten dies betreffen wird. Im Zusammenhang mit Arrhythmien forsche ich auch an Familien, die nachweislich krankmachen-
de Genmutationen haben, aber teilweise nicht an Arrhythmien erkranken. Um Wahrscheinlichkeiten für eine Erkrankung ableiten zu können, haben wir einen populationsbasierten, summativen Ansatz erarbeitet. Anliegen ist es, die Diagnostik für Patienten mit angeborenen Herzfehlern zu verbessern, um sie gezielter einordnen und therapieren zu können. Über Untersuchungen zu epigenetischen Faktoren wollen wir zudem präventive Ansätze finden.

Text: Christine Minkewitz / BBB

Foto: Prof. Dr. Silke Rickert-Sperling (Foto: David Ausserhofer / MDC)


Quelle: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

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