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heilen,forschen / 25.09.2017
Schnittstelle Immunsystem und Tumor

 Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Il-Kang Na, Oberärztin in der Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Charité und Forschungsgruppenleiterin am ECRC


 

 

Welcher Weg führte Sie ans Experimental and Clinical Research Center (ECRC)?

Ich habe an der Freien Universität Medizin studiert und meine Facharztausbildungen an der Charité, Campus Benjamin Franklin und Virchow Klinikum absolviert. Mit der klinischen Ausbildung begann auch gleichzeitig meine wissenschaftliche Laufbahn. Forschungsschwerpunkt war damals die Immuntherapie beim Melanom. Als Postdoc war ich in New York am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center. Nach meiner Rückkehr nach Berlin gab es eine ECRC-Projektgruppen-Ausschreibung, an der ich mich erfolgreich beteiligt habe. Ab 2011 konnte ich eine eigene Forschungsgruppe zur Immunonkologie am ECRC aufbauen. Zudem forsche und arbeite ich klinisch als Oberärztin in der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Campus Virchow Klinikum. Dort baue ich aktuell eine Sprechstunde für Immundefekte/Immunmodulation in der Hämato-Onkologie auf. Zielgruppe sind Patienten mit sekundären Immundefekten und gesteigerter Infektanfälligkeit unter und nach Therapie.
Eine ebensolche Sprechstunde soll nächstes Jahr auch auf dem Campus Buch folgen. Die Hochschulambulanzen werden vor allem durch meine neue Quandt-Professur des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH) ermöglicht werden, deren Schwerpunkt auf Therapie-induzierter Modulation in der Hämato-Onkologie und Translation liegt.

Was ist ihr genauer Forschungsgegenstand?

Mein langjähriges Forschungsthema sind die Mechanismen der Tumor-Immun-Interaktion. Im Bereich der Immuntherapie erforsche ich, wie sich die adoptive T-Zelltherapie gegen Tumoren optimieren lässt. Zudem untersuche ich bei den Tumorpatienten sekundäre Immundefekte und Therapie-induzierte Veränderungen der Wechselbeziehungen zwischen Tumor und Immunsystem, die durch das Aufkommen einer Vielzahl an neuen Immuntherapien, zielgerichteter Wirkstoffe und Immunmodulatoren deutlich komplexer geworden sind.

Welche Rolle spielt die adoptive T-Zelltherapie in der Onkologie?

Sie ist eine erfolgversprechende Möglichkeit, Krebs wirkungsvoll mit T-Zellen zu bekämpfen. Der Durchbruch in der Tumorimmuntherapie konnte unter anderem durch die Weiterentwicklung der adoptiven Zelltherapie mit genmodifizierten T-Zellen erzielt werden. Prof. Blankenstein vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) leitet hierzu mit Prof. Kloetzel das Collaborative Research Grant-Projekt „T-Zell-Gentherapie bei Krebs“, das vom BIH gefördert wird. Im Sonderforschungsbereich „Grundlagen und Anwendung adoptiver T-Zelltherapie“ entwickelten wir mit Prof. Thomas Blankenstein bildgebende Mausmodelle, um spezifische T-Zell-Rezeptoren und Kombinationstherapien zu testen. Mit Hilfe der Modelle wollen wir die adoptive T-Zelltherapie optimieren.

Wie funktionieren diese Modelle?

Indem wir Biolumineszenz-Reporter nutzen, können wir Tumorzellen und T-Zellen sichtbar machen und erkennen, ob die T-Zellen mit spezifischen T-Zell-Rezeptoren ihren Zielort Tumor erreichen. Wir sehen auch, ob und wo sie genau aktiviert werden. Auf diese Weise können wir testen, wie sich transferierte T-Zellen in vivo verhalten, ob Kombinationsstrategien erfolgsversprechend sind und ob viele Nebenwirkungen zu erwarten sind.

Eines Ihrer Vorhaben ist ein immuno-onkologisches Langzeit-Monitoring im Verlauf der Tumortherapie. Welchen Stellenwert hat es?

Weil es immer mehr ins Immunsystem eingreifende Medikamente zur Behandlung von Tumoren gibt, ist es wichtig, das Immunsystem und den Tumor während der Therapie zu überwachen, um genauer zu verstehen, welchen Einfluss die Therapie hat. Dabei ist entscheidend zu verstehen, wie sich der Tumor, das Immunsystem und deren Schnittstelle während der Therapie verändern. Es wird immer klarer, dass sich das ganze Gefüge einschließlich der Komponenten im Verlauf verändern kann. Wir versuchen, an verschiedenen Stellen zu erfassen, was da genau passiert. Unser Ziel ist es, innerhalb dieser komplexen Prozesse Vorhersageparameter zu finden, die sehr früh – und zwar früher, als es bisher klinische Symptome, bekannte Verlaufsmarker und radiologische Bildgebungen vermögen – darüber Auskunft geben, ob eine Therapie anspricht oder versagt bzw. ob es zu Rezidiven kommt. Je früher wir entscheiden können, ob eine Therapie sinnvoll ist oder ob ein Therapiewechsel erforderlich ist, desto besser für die Patienten. Mithilfe des longitudinalen Monitorings wollen wir auch neue Zielstrukturen und smarte Kombinationstherapien identifizieren, um die Tumorbekämpfung erfolgreicher zu machen.

Der dritte Schwerpunkt Ihrer Forschung betrifft die sekundären Immundefekte durch Krebserkrankungen und -therapien. Was wäre ein Beispiel dafür?

Durch die Tumorbehandlung können auch die Immunzellen des Patienten und deren Nischen angegriffen werden. Dies gilt vor allem für hochdosierte Chemotherapien, die hämatopoetische Stammzelltransplantation und Medikamente, die auch die Signalwege von Immunzellen beeinflussen. Wenn z.B. ein Leukämiepatient blutbildende Stammzellen von einem Spender erhält, kann ihn dies von der Erkrankung heilen. Aber unter Umständen ist sein Immunsystem bis zu einem Jahr und länger nicht voll funktionsfähig, so dass der Patient infektanfällig ist. Wir haben gesehen, dass im Rahmen einer solchen allogenen Stammzelltransplantation die Knochenmarksnische geschädigt wird und dass Antigen-erfahrene Immunzellen dysfunktional über viele Monate vermindert vorliegen. Wir arbeiten hier an Strategien, die Knochmarksnische zu schützen oder wieder herzustellen, und entwickeln T- und B-Zelltherapieansätze zur Steigerung der Immunkompetenz nach Transplantation.

Welche Bedingungen bietet der Bucher Campus für Ihre Forschung?

Das ECRC bietet einen sehr guten Raum für das interdisziplinäre Arbeiten mit  wissenschaftlichen Klinikern und für das Aufklären fächerübergreifender Mechanismen – etwa bei immunologischen Fragen in der Nephrologie, Neurologie und Onkologie. Grundlagenforschung und die unmittelbare Translation von Hypothesen auf dem Weg zur Therapie haben durch die kurzen Wege zwischen MDC und ECRC auf dem Campus exzellente Voraussetzungen. Kliniker, die in Laboren wissenschaftlich arbeiten und in Hochschulambulanzen Patienten behandeln, profitieren von den fachlichen Kooperationen und den technologischen Plattformen.

Wie können Patienten von Ihrer Forschung profitieren?

Die Patienten profitieren, wenn wir neue Zielstrukturen und Ansätze für Immun- und Kombinationstherapien finden. Eine Weiterentwicklung der zelltherapeutischen Möglichkeiten würde ebenfalls die Behandlungsoptionen erweitern. Wenn es uns gelingt, Patienten individualisiert zu behandeln, erreichen wir eine optimierte Tumorbekämpfung und ersparen ihnen unnötige Toxizitäten und damit Nebenwirkungen.

Interview: Christine Minkewitz / BBB Management GmbH
Foto: Priv.-Doz. Dr. med. Il-Kang Na (Foto: privat)

Quelle: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

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