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forschen, produzieren, heilen / 26.06.2026
Weichen stellen und Synergien fördern

Prof. Dr. Christopher Baum © Thomas Rafalzyk / Berlin Institute of Health in der Charité (BIH)
Prof. Dr. Christopher Baum © Thomas Rafalzyk / Berlin Institute of Health in der Charité (BIH)

Interview mit Prof. Dr. Christopher Baum, Vorsitzender des BIH-Direktoriums und Vorstand des Translationsforschungsbereichs der Charité

Was zeichnet das Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) aus?

Eindeutig unser Fokus auf die medizinische Translation: Unsere Mission ist, Erkenntnisse aus der biomedizinischen Forschung in neue Ansätze zur personalisierten Vorhersage, Prävention, Diagnostik und Therapie zu übertragen und umgekehrt Beobachtungen im klinischen Alltag noch zielgerichteter in Forschungsideen und Innovationen zu überführen. Ziel ist es, einen relevanten medizinischen Nutzen für Patient:innen und Bürger:innen zu erreichen.

Das BIH hat verschiedene Standorte, darunter auch in Berlin-Buch. Wie funktioniert die Kooperation an den einzelnen Standorten?

Anfangs wurden mit BIH-Mitteln an den drei großen Klinikstandorten der Charité, also Benjamin Franklin, Virchow und Mitte sowie am Standort Buch strukturelle Voraussetzungen für die translationale klinische Forschung verbessert, zum Beispiel Clinical Research Units, Biobanken und Datenräume eingerichtet. Buch ist für uns sehr wichtig als exzellentes wissenschaftliches Ökosystem und Interaktionsraum. Hier gibt es einen riesigen Schatz an hervorragender Wissenschaft mit starker Translationskultur und mit dem Experimental and Clinical Research Center (ECRC) auch schon vor Gründung des BIH eine eigene Translationseinrichtung. In Buch bestand bereits eine Kooperationswelt, die durch die Präsenz des BIH am Standort ergänzt wurde. Den Auftrag des BIH sehe ich darin, Lücken zu schließen und den Spirit in Richtung produkt- und nutzenorientierter Wissenschaft zu stärken. Idealerweise sind wir in der gesamten Wertschöpfungskette verknüpft und schauen dann, wie wir gemeinsam mehr erreichen können. Ein Beispiel wäre das Spin-off MyoPax von Max Delbrück Center und Charité, dessen Ausgründung wir über unser SPARK-BIH-Programm gefördert und begleitet haben.

Wie verhält es sich mit der privilegierten Partnerschaft mit dem Max Delbrück Center?

Zu Beginn bestand diese Partnerschaft vor allem in den Fokusbereichen vaskuläre Biomedizin und Single-Cell-Analytik. Inzwischen sind die Forschungsthemen erweitert worden. Privilegierte Partnerschaft heißt für mich, dass man sich strategisch abstimmt und idealerweise Infrastrukturen, wissenschaftliche Themen und auch Personalfragen so gestaltet, dass eine größtmögliche Synergie entsteht, ohne die jeweilige Autonomie der Einrichtungen infrage zu stellen. Wir gestalten eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Ein schönes Beispiel ist die Ganzgenomsequenzierung, die wir gemeinsam in die Regeldiagnostik überführt haben. Das wäre ohne die bioinformatische Expertise, die in Synergie von MDC und BIH entwickelt wurde, nicht möglich gewesen. In der Umsetzung war dann die enge Anbindung an die Diagnostikbereiche der Charité, an das Zentrum für seltene Erkrankungen

Charité und BIH haben einen gemeinsamen Technologietransfer. Wie könnte man die Brücke zum Geschäftswissen der vielen Unternehmen im Biotechpark bauen? Denn letztlich brauchen wir Innovationen am Markt.

Unsere Mission ist primär, Patientennutzen zu entfalten, nicht nur bei einzelnen Betroffenen als Beweis des Prinzips, sondern möglichst skalierbar und standortunabhängig. Marktfähigkeit ist für mich nur ein Indikator für Nutzen; dazu kommt die Herausforderung, dass ein Produkt nicht zu teuer sein darf, weil sonst das solidarische Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt. Gen- und Zelltherapien sind dafür ein Beispiel. Kosteneffizienz wird also auch zum Innovationstreiber. In Buch gibt es enorm viele Expert:innen, die grundlegende Technologien weiterentwickeln oder solche hervorgebracht haben. Diese frühen Innovationen, die das Potenzial haben, Plattformtechnologien zu werden, müssen wir noch mehr in den Fokus rücken. Dazu gehören beispielsweise neue Gen-VektorFamilien oder grundlegend neue Arten von Immuntherapien.

Mit dem GeneNovate Investors‘ Day als einer Maßnahme der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien hat das BIH deutschlandweit Ressourcen gebündelt. Wie ist es gelungen, dies nach Berlin zu holen?

Wir haben mit vielfältigen Akteuren überlegt, wie wir Investorenformate für die regulatorisch und technologisch unter besonderen Herausforderungen stehende Gen- und Zelltherapie besser etablieren können. Beim ersten GeneNovate Investors‘ Day 2025 war die Nachfrage von internationalen Investor:innen, Start-ups und Politik weitaus höher als erwartet – sicher auch, weil wir dort forschungs- und wirtschaftspolitische Fragen diskutiert haben, darunter die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investor:innen. Die präsentierenden Start-ups mussten sich erstmals nicht gegen Defense-Tech oder andere Bereiche von Biotech behaupten.

Wo sehen Sie den stärksten Hebel, um Ausgründungen aus dem BIH weiter zu verstärken und zu beschleunigen?

Ausgründungen sind ein wichtiger Indikator, darüber hinaus sehen wir uns auch in anderen Dimensionen als Ökosystemspieler. Charité, MDC und BIH haben gemeinsam großes Potenzial, werthaltige Firmen und neue Produktideen hervorzubringen, und dabei sollten wir uns noch mehr gegenseitig unterstützen. Captain T Cell und der Anschub von T-knife wurden beispielsweise vom BIH gefördert. Da wir den Auftrag haben, auch national zu agieren, entwickeln wir gemeinsam mit anderen Playern in Deutschland Formate, um bundesweit innovationsorientierte Akteure und Projekte zu fördern. Im Rahmen der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien haben wir zum Beispiel ein Programm für Postdocs aufgelegt, mit dem wir an Standorten wie München oder Mainz Entrepreneurship-Trainings gestalten. Dieses Jahr haben wir 200 Teilnehmende an neun Standorten und rechnen in den nächsten fünf Jahren mit mindestens 1.000 Trainees. Das Programm soll helfen, Innovationen besser in die Validierung, in klinische Studien und damit natürlich in den Markt zu bekommen sowie eine überregional vernetzte Community aufzubauen.

Das Agieren über Grenzen hinweg hat große Vorteile. Wichtig ist sicher auch der Schulterschluss zu erfahrenen Unternehmen, so dass Gründungsprojekte eine schnellere Lernkurve bekommen.

Genau, es ist vor allem sehr wichtig, dass wir dies zusammen mit anderen Standorten in Deutschland und auch in Europa angehen. Produkte im Gesundheitsbereich müssen von Anfang an im internationalen Markt konkurrenzfähig sein und dort verschiedene Marktanforderungen erfüllen.

Wir streben an, dass wir Berlin mit Standorten wie München, Heidelberg, Kopenhagen, Leuven, Barcelona, London oder Paris verknüpfen, damit Start-ups durch eine Reihe strukturierter Angebote Impulse aus verschieden Ökosystemen aufnehmen, sowie Märkte und Wachstumschancen eruieren. Das kann ein im eigenen Saft verharrendes Ökosystem nie bieten.

Start-ups müssen relativ schnell die richtigen Partner finden, etwa für die Analytik oder um klinische Studien anzugehen, und das funktioniert am besten in einem kuratierten Netzwerk.

Start-ups agieren häufig aus der eigenen, anfangs segmentalen Betrachtung ihrer Welten. Das war einer der Gründe, warum wir jetzt einen Online-Atlas für Gen- und Zelltherapie aufgelegt haben, um Kontakte zu erleichtern. Darin kartieren wir die Akteure über alle Gebiete hinweg: Forschung, Entwicklung, Good Laboratory Practice und Good Manufacturing Practice, Start-ups, Industrie, Investoren, Patientenvertretungen – eine Heatmap der Akteure in Deutschland zu diesem Thema, unter anderem als Grundlage für produktspezifische Vernetzung. Translation braucht den Weg heraus aus den vertrauten Nischen.

Seit einem Jahr gibt es den BIH Clinical Incubator (CLIC). Welchen Schwerpunkt hat dieser?

Wir sehen den Bedarf bei akademischen Projekten, die kurz vor der Gründung sind und zunächst Raum und fachlichen Input für den nächsten Schritt brauchen. Inhaltlich geht es hier nicht nur um Gen- und Zelltherapie, sondern allgemein um personalisierte, regenerative Therapieansätze.

Auch CLIC versteht sich als Mitgestalter des Ökosystems. In ein paar Jahren wird der Inkubator dann in engem Wechsel mit dem Berliner Zentrum für Gen- und Zelltherapie (BC GCT) wirken.

Mit BioLabs haben Sie einen sehr guten Partner gefunden, der Start-ups auch die Möglichkeit zu internationalen Gastaufenthalten in anderen BioLabs geben kann.

Ja, mit Paris haben wir bereits eine sehr gute Wechselwirkung, München und Heidelberg sind im Aufbau. Aber es gibt auch andere Player wie das Innovation Institute der Novo Nordisk Stiftung. Über das ARC SHEBA Medical Center in Tel Aviv (ARC steht für Accelerate Redesign Collaborate) erschließen wir gerade weitere Räume.

Weitere wichtige Impulsgeber für unser Innovationsgeschehen sind unter anderem Spark Stanford und die European University Hospital Alliance (EUHA), über die wir mit anderen Innovationszentren der Universitätsmedizin verbunden sind.

Wo steht Berlin in fünf Jahren?

Es wird uns hoffentlich gelungen sein, ein Ökosystem aufzubauen, in dem die Akteure sichtbar die Synergie entfalten, die wir erreichen möchten. Ein Ökosystem, das mit klar verteilten Domänen Freiräume für Synergien zwischen den Einrichtungen lässt. Wir wollen Berlin als starken Partner in starken Netzwerken entwickeln und nicht gegen andere, sondern mit anderen zum Erfolg zu führen. Unser Ziel ist ein konzertanter Ansatz. Da ist es vielleicht ein schönes Beispiel, dass die Charité gerade eine Kooperation mit den Berliner Philharmonikern beginnt

Interview: Dr. Christina Quensel / Campus Berlin-Buch GmbH

Das Interview erschien zuerst im Standortjournal buchinside 2/2026.

Quelle: Campus Berlin-Buch GmbH

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